Haltestelle Geister

Haltestelle GeisterEine Bushaltestelle im Nirgendwo. Kaputte Gestalten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und sich selbst. Das ist die Ausgangssituation von Helmut Kraussers Theaterstück „Haltestelle. Geister“. Der Literatur- und Theaterkurs des Matthias-Grünewald-Gymnasiums brachte die Trash-Oper ohne Gesang unter der Leitung von Tobias Endres in der Mensa zur Aufführung.

Kraussers Stück entwirft das Zerrbild einer kranken Gesellschaft, in der man zwar miteinander spricht, sich aber nicht versteht. Die Haltestelle ist ein Treffpunkt für Sonderlinge und Außenseiter, Wartende und Suchende. Sie alle sind defizitär. Irgendetwas fehlt immer zum Glück: Pillen, eine Rauchmöglichkeit, Liebe oder Nusseis.

Die Menschen sind keine Individuen, sondern Repräsentanten einer Gattung. Ihre Anonymität manifestiert sich schon in ihren Namen: Der Mann vom „Grillimbiss“ (Janis Storg) trifft auf „Tallulah“ (Tatjana Tripel), die behauptet, sie sei außerirdisch. Weil er sie verspottet, endet die erste Begegnung im Streit. Die beiden brauchen die Nacht, um das zu bereinigen.

Die erste Szene ist symptomatisch, denn es sind zunächst Konflikte, die den Umgang miteinander bestimmen. Die „Tussen“ (Jana Katzenmaier und Lena Rücker) nehmen den „Schnösel“ (Marcel Spinnner) aus und sind sich letztlich selbst nicht grün. (Der Mann aus der) „Oper“ (Fabian Karl) und seine Frau (Saskia Flegler) sind im Streit über den misslungenen Besuch einer Tristan-Inszenierung. Und „Rico“, der Pillendealer (Pierre Fiebiger), muss sich ständig gegen die Schnorrereien seiner Kundschaft wehren.

Mit dem zweiten Teil kommt das Sterben: Der Schnösel fährt mit dem Auto gegen eine Mauer und überfährt dabei absichtlich „Pferdeschwanz“. Rico wiederum wird in der Disco erschossen. Während einer Razzia zieht er versehentlich eine Pistole.

Diese und alle weiteren Toten müssen vor Ort bleiben. Sie bilden eine kommentierende Gegengesellschaft zu den Lebenden, mit denen sie über den „Tütenpenner“ (Florian Kornberger) zu kommunizieren versuchen. Als Medium hört er die Toten und kann zugleich mit den Übriggebliebenen reden. Die Kommunikation ist allerdings zum Scheitern verurteilt, sie trägt dem Penner nur Schläge ein. Am Ende verlassen die Toten die Welt mit unbekanntem Ziel. Zurück bleiben die Restbestände einer kalten Gesellschaft, die in der Nacht zueinandergefunden haben.

Die als Skandal angekündigte Inszenierung erfüllte die Erwartungen. Die Sprache strotzte vor Kraftausdrücken, es wurden kräftig Drogen verschoben und eingeworfen, es wurde getötet und gemordet, eine Hitler-Imitation sorgte für sexuelle Erregung, wie überhaupt derbste Phantasien eines offensichtlich sadomasochistischen Pärchens dazu geeignet waren, den Theaterbesucher zu verstören.

Auf Provokation waren auch andere Elemente der Inszenierung angelegt. Dazu gehörten ein einfach strukturiertes Bühnenbild, symbolisch überhöhte Kostüme und Requisiten, Lichtgestaltung, der Einsatz von Musik, Geräusch und Medien.

Ein einigendes Band gab es freilich. Nahezu alle Figuren waren auf der Suche nach ihrem Selbst und damit auch nach einem Sinnzusammenhang in der Welt. Vielleicht lag er in der zwischenmenschlichen Nähe. Deren Mangel spürten die Figuren zwar, sie konnten sie aber kaum realisieren. Insofern war der brutale Fortgang der Handlung, die schließlich in zahlreiche Todesfalle mündete, nur konsequent: Gefühlskälte und Bindungslosigkeit wurden im weiteren Verlauf durch die immer zahlreicher auftretenden Opfer dieser Gesellschaft düster kommentiert.

Dennoch: Es waren gerade die Versuche, individuelles Glück zu erlangen, die für stille Momente im Stück sorgten, aus denen es seine Kraft erfuhr.

„Haltestelle. Geister“ war die überzeugende Abschlussarbeit des Literatur- und Theaterkurses. Als eigenständiges Fach ist „Literatur und Theater“ neu und läuft derzeit als Modellversuch. Das Fach wird in der Oberstufe über vier Halbjahre unterrichtet. Lernziel ist der Erwerb von Wissen, praktischen und gestalterischen Kompetenzen, Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit in vier wesentlichen Kompetenzbereichen: theaterästhetische Grundlagen, theaterästhetische Gestaltung sowie theaterästhetische und soziokulturelle Kommunikation. Am Ende können die Schüler „Literatur und Theater“ sogar als Prüfungsfach im Abitur wählen. Nach der erfolgreichen Premiere darf man gespannt sein auf die Fortführung im neuen Schuljahr.

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