Musical Oliver!

OliverDie Armut steigt. Besonders unter Kindern. In Zeiten der Wirtschaftskrise fürchten viele Menschen den sozialen Abstieg. Das Phänomen ist nicht neu. Im 19. Jahrhundert sorgte die Industrialisierung europaweit für Massenelend. Mit den sozialen Verhältnissen im viktorianischen England hat sich der Dichter Charles Dickens kritisch auseinandergesetzt. Sein Roman „Oliver Twist“ wurde zu einem Welterfolg. Eine mitreißende Musicalversion brachte das Matthias-Grünewald-Gymnasium auf die Bühne. Das Stück mit rund 80 Mitwirkenden hatte gestern Abend Premiere in der Stadthalle.

Dickens’ düsterer Roman führt in die Slums und die Unterwelt Londons. Oliver, unehelich im Armenhaus geboren, von einer Mutter, die bei der Geburt stirbt und die niemand kennt, erfährt das traurige Los des Gemeindekinds, ist jeder kleinbürgerlichen Niedertracht ausgesetzt.

Oliver begehrt auf und fliegt. Weil er einen Nachschlag Grütze begehrt, muss er das Waisenhaus verlassen. Er wird an den Leichenbestatter Sowerberry verkauft, von wo er bald nach einer hässlichen Auseinandersetzung mit dem Lehrling nach London flieht. Allein, hungrig und ohne Dach über dem Kopf trifft er Dodger, der ihn zu Fagin und dessen Diebesbande mitnimmt. Dort findet er Herberge und soziale Heimat.

Olivers Talente beim Klauen bleiben allerdings sehr begrenzt. Das liegt vor allem an seiner untadeligen, grundfreundlichen Moral. Die stille Reinheit in seiner Seele zieht Schutzgeister an und weckt selbst Hilfskräfte unter den Bösen. Bei seiner ersten Diebestour für Fagin wird Oliver erwischt. Mr. Brownlow, der Mann, den er bestehlen wollte, wird zu seinem „Schutzheiligen“. Er nimmt Oliver mit zu sich nach Hause und kümmert sich gut um ihn. Hier bahnt sich die wundersame Rettung an. Brownlow erkennt eine große Ähnlichkeit zwischen dem Waisenkind und seiner verschollenen Nichte.

Als Oliver wieder etwas genesen ist, schickt Mr. Brownlow ihn in die Stadt, um für ihn Bücher in die Bibliothek zurückzubringen. Nancy und ihr brutaler Freund Bill Sikes lauern Oliver auf, entführen ihn und bringen ihn zu Fagin zurück, da sie fürchten, dass Oliver die Diebesbande verpfeift.

Nancy in ihrer Mischung von Verderbtheit und Anstand erkennt aber bald, dass Oliver in eine bessere Gesellschaft gehört und will ihn heimlich zu Brownlow zurückbringen. Bei dieser Nacht-und-Nebel-Aktion kommt es zum dramatischen Finale.

Lionel Barts Musical setzt die Romanvorlage kongenial um. Die mäandernde Handlung ist radikal verschlankt, die Musik kommentiert das Geschehen und treibt es voran. Eindringliche Dialoge wechseln sich ab mit schwungvollen Massenchören. Das ganze Stück durchweht schärfste Sozialkritik. Wenn die Diebesbande ein Loblied auf das Stehlen anstimmt, so ist das eine Travestie bürgerlicher Wohlanständigkeit. Kein Wunder, dass „Oliver Twist“ zu den erfolgreichsten Exemplaren des Genres gehört.

Mit „Oliver Twist“ hat das MGG ein Mammutprojekt gestemmt. 80 Akteure – Schauspieler und Sänger, Chormitglieder und Orchester – unter einen Hut zu bringen und aufeinander abzustimmen, ist das Verdienst von Felix Krüger, Herta Beierstettel, Gunter Schmitt, Claudia Krüger, Carolin Wandel und Michael Schlör. Bühnenbild, Ausstattung und Technik setzten Maßstäbe für solch eine Großproduktion. Eine großartige Leistung vollbrachten die verschiedenen Solosängerinnen und Solosänger (zahlreiche Rollen waren doppelt besetzt), die zum Teil recht anspruchsvolle Partien zu meistern hatten.

Das ist das Tröstliche bei Dickens: Oliver Twist ist ein positiver Held. Als solcher kann er zwar vorübergehend von schlechten Menschen und Verhältnissen behindert, aber nicht dauerhaft geschädigt werden. Der Nachtseite der Gesellschaft steht eine heile bürgerliche Welt gegenüber, in die Oliver schließlich integriert wird. Jeder Mensch, so Dickens’ Botschaft an uns heute, trägt das Gute in sich. Und es kann nicht zerstört werden.

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